Paulas Geschichte

Philip Pinguin erzählt

PaulaPaula hockte in ihrem Käfig und starrte trübsinnig vor sich hin. Was sollte sie mit dem ganzen Tag anfangen? Der Käfig bot nicht die geringste Abwechslung und ließ ihr auch kaum genug Raum, um sich zu bewegen. Es war einfach nur ein kahler Käfig aus Maschendraht, der Boden war aus Beton, auf dem eine dünne Sandschicht lag. Der Käfig war gerade so hoch, dass der Mann, der sie hier gefangen hielt darin stehen konnte.

Neben ihrem Käfig stand noch ein zweiter, genauso wir ihrer. In dem Käfig hausten eine Menge Vögel. Der Käfig war viel zu klein für alle. Jeder Käfig hatte eine Tür, die mit einem einfachen Riegel verschlossen wurde. Dieser war allerdings so geschickt angebracht, dass man ihn von innen nicht öffnen konnte.

Rings um die Käfige wucherten alle möglichen Pflanzen: verschiedene Sträucher und Rankengewächse. Der Mann hatte die Pflanzen so zurecht geschnitten, dass eine Art Laube entstanden war. Und er achtete darauf, dass keine Zweige oder Ranken den Maschendraht berührten. Auf diese Weise waren die Käfige gut versteckt, falls ungebetene Besucher den Garten betreten sollten. Ab und zu verirrte sich ein Sonnenstrahl in die Käfige, aber meistens herrschte ein grünliches Halbdunkel. Regen fand leichter seinen Weg in die Laube und durchnässte Paula und die Vögel.

Viele Vögel starben, aber trotzdem wurde der Käfig nicht leerer. Der Mann brachte immer neue und steckte sie zu den anderen. Paula zerbrach sich den Kopf, wo der Mann die Vögel wohl herholte. Sie fragte die Vögel, aber sie bekam nur ausweichende Antworten. Die Vögel hatten Angst vor ihr, obwohl auch sie eingesperrt war. All ihr gutes Zureden half nicht; die Vögel blieben misstrauisch.

Der Tag versprach heiß zu werden. Paula hatte Durst, aber in ihrem Napf war kein Wasser mehr. Sie bekam nur unregelmäßig zu essen und zu trinken. Zu Anfang hatte sie gedacht, der Mann hätte es nur vergessen. Aber sie musste schnell erkennen, dass es Absicht war. Sie hatte aufgehört um Wasser zu betteln als sie gemerkt hatte, dass er ihr Betteln zu genießen schien. Den Vögeln ging es auch nicht besser. Auch sie wurden nur unregelmäßig versorgt.

Manchmal holte der Mann einen Vogel aus dem Käfig. Er band einen Faden um dessen eines Bein. Dann ließ er den Vogel los. Der Vogel flog hoffnungsvoll auf, der Faden riss ihn zurück. Der Vogel bemühte sich immer wieder bis er schließlich erschöpft liegenblieb. Dann warf ihn der Mann wieder in den Käfig. Paula wusste inzwischen genau, wenn der Mann wieder einmal vorhatte, einen Vogel zu quälen. Sein Gesichtsausdruck verriet ihn und ließ ihr kalte Schauer über den Rücken laufen.

Eine Weile träumte Paula vor sich hin. Sie sah ihre Mutter vor sich. Sie erinnerte sich an die kurze Zeit, die sie miteinander verbracht hatten. Ihre Mutter hatte sie liebkost, sie gestreichelt und mit ihr gespielt. Sie war mit ihr durch die Gegend gestreift, um ihr beizubringen, sich selbst zu versorgen. Paula bemühte sich diese schönen Erinnerungen festzuhalten. Aber immer häufiger kam es vor, dass der Film unbarmherzig weiterlief zu ihrem letzten gemeinsamen Tag.

Sie tollte mit ihrer Mutter an einem Bach herum. Paula sollte lernen Fische zu fangen. Etwas krachte. Ihre Mutter sank zu Boden. Paula glaubte es wäre ein neues Spiel; sie warf sich lachend auf ihre Mutter, sie wollte weiter spielen. Dann sah sie das Blut. Entsetzt hielt sie inne. Sie schüttelte Ihre Mutter, rief nach ihr. Und dann: ganz langsam begriff sie, dass ihre Mutter nie mehr mit ihr spielen würde. Plötzlich wurde sie grob gepackt. Sie klammerte sich verzweifelt an ihre Mutter, aber sie wurde weggezerrt. Seitdem lebte sie in diesem Käfig.

Paula schreckte hoch. Der Mann stand vor ihrem Käfig und sah sie mit einem seltsam lauernden Blick an. Paula spürte Angst in sich aufsteigen. Was hatte er nur vor? Er öffnete die Käfigtür, kam herein, ergriff sie. Sie zappelte, aber er grinste nur bösartig. Dann wickelte er eine Schnur um ihren Hals, warf sie hinten in sein Auto, band sie fest und fuhr los.

In einer kleinen Lichtung im Wald lud er sie aus. Er trug sie zu einem Baum, stellte sie davor. Das andere Ende des Stricks wickelte er um einen Ast ziemlich hoch über ihr. Dann trat er zurück und betrachtete zufrieden sein Werk. Er würde in ein paar Stunden wiederkommen, verkündete er. Sie sollte erst einmal eine Weile in der Sonne vor sich hin schmoren.

Der Strick um ihren Hals war nicht allzu eng und sie drehte sich etwas, in der Hoffnung, den Strick mit ihren Zähnen zu erreichen. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie schaffte es nicht. Sie wusste, wenn sie hinfiel, würde die Schnur sie erwürgen. Sollte sie sich fallen lassen? Nein, vielleicht kam doch jemand und fand sie bevor der Mann zurückkam. Sie klammerte sich an diese Hoffnung. Ab und zu stöhnte sie auf, zum Schreien reichte ihre Kraft nicht mehr.

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