Paula wagt sich zu weit vor

Philip Pinguin erzählt

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Gwendolin und Paula – 8. Kapitel

Irgendetwas zog Paula magisch weiter. Am späten Vormittag stand sie plötzlich vor einem Zaun. Ihr Herz schlug wie wild. Das war der verwilderte Garten, in dem der Käfig stand. Sie war ganz sicher. Sie schlich am Zaun entlang. Ja, da war das Haus mit dem kahlen Hof dahinter. Da war der Mann und da waren die Käfige. Sie hatte Angst, aber die Neugier siegte. Sie kletterte auf einen Baum, um besser zu sehen, was der Mann da tat. Gefesselt und abgestoßen zugleich rutschte sie auf einem Zweig weiter nach vorn. Plötzlich brach der Ast ab und sie fiel auf den Hof. Bevor sie sich von ihrem Schreck erholen konnte, hatte der Mann sie entdeckt, rannte zu ihr, packte sie und warf sie in den Käfig. Er sperrte die Tür zu und stand dann grinsend draußen:

„Na endlich, wurde ja auch Zeit, dass du wieder auftauchst.“

Paula duckte sich in eine Ecke und schimpfte sich selbst einen Idioten. Wie konnte sie nur so dumm sein. Warum war sie nur nicht umgekehrt und hatte die anderen benachrichtigt? Dann hätten sie gemeinsam einen Plan schmieden können. Aber jetzt? Würden die anderen sie suchen? Ja, bestimmt. Aber würden sie sie auch finden? Das konnte sie nur hoffen. Was hatte sie nur getrieben, diesen Weg zu gehen? Sie verstand sich selber nicht.

Mimi und Rabe saßen gemütlich in der Sonne.

Gwendolin kam angestürmt. „Habt ihr Paula heute schon gesehen?“

Beide schüttelten den Kopf und Mimi sagte: „Als ich aufwachte, wart ihr beiden schon weg. Ich habe angenommen, dass ihr zusammen unterwegs seid.“

„Nein, als ich aufwachte war sie auch schon weg. Ich habe erstmal gefrühstückt bevor ich in den Garten gegangen bin. Da konnte ich Paula nirgends finden. Also habe ich nach ihrer Spur gesucht und bin ihr nachgegangen. Ein paar mal habe ich die Spur verloren und musste ein Stück zurück. Aber schließlich bin ich an dem Teich mit der kleinen Insel gelandet, wo ich mein Versteck hatte. Paula ist um den Teich herumgegangen. Und dann habe ich die Spur verloren, der Boden ist an der Stelle, wo sie längs gegangen ist, ganz matschig. Paula ist schon seit Stunden unterwegs. Ich hatte gehofft, dass sie inzwischen zurückgekommen ist. Wo mag sie denn nur sein? Ich habe Angst, dass ihr etwas passiert ist. Sie war in der letzten Zeit sehr unruhig, oder bilde ich mir das ein?“

„Nein, ich glaube du hast Recht. Ich hatte auch den Eindruck, dass etwas sie sehr beschäftigt hat. Aber sie hat nichts gesagt.“

Rabe fragte: “Sollen wir dort nochmal gemeinsam nachsehen?“

Gwendolin nickte und auch Mimi war dafür und so machten sie sich auf den Weg. Dann standen sie ratlos an der Stelle, die Gwendolin ihnen zeigte.

„Der Bach war immer die Grenze.“ Gwendolin deutete auf eine steile Böschung. „Da oben ist eine Lichtung, dort habe ich Paula gefunden. Wir sind nie wieder auf die Seite des Bachs gegangen. Paula hatte immer Angst davor. Aber jetzt führt ihre Spur in diese Richtung. Das macht mir Angst.“

Mimi und Rabe waren genauso beunruhigt.

„Wir müssen sie suchen, sofort.“ sagte Rabe. „Hört zu: ich hole so schnell wie möglich alle meine Leute, die ich auftreiben kann. Mimi, du gehst am besten nach Hause und bleibst dort, falls Paula doch noch kommt. Und wenn wir etwas finden, schicken wir dir eine Nachricht. Du sammelst alles. Gwendolin, du versuchst Tiere zu finden, die Paula vielleicht gesehen haben. Heute Abend treffen wir uns dann bei euch Zuhause. Vielleicht machen wir uns ja ganz umsonst Sorgen. Seid ihr einverstanden?“

Beide nickten.

Abends trafen sie sich erschöpft wieder. Keine Spur von Paula. Sie aßen und tranken ohne großen Appetit und dann berichtete jeder, was er auf der Suche erreicht hatte. Gwendolin war den ganzen Tag herumgelaufen und hatte mit allen möglichen Tieren gesprochen. Niemand hatte Paula gesehen. Dafür hatte sie eine Menge schrecklicher Geschichten gehört über einen Menschen, der dort in der Gegend Fallen aufstellte. Fallen, die den Tieren Verletzungen zufügten, aus denen sie sich nicht mehr befreien konnten. Viele waren gestorben. Manche hatte der Mann aus den Fallen geholt, getan als ob er ihnen helfen wollte. Er hatte sie mitgenommen und sie waren nie wieder aufgetaucht. Viele Tiere hatten Gwendolin gewarnt, dass diese Ecke des Waldes sehr gefährlich sei.

Sie hatte einen jungen Fuchs mitgebracht. Er war mit dem Schwanz in eine Falle geraten. Er   konnte sich befreien, hatte dabei aber ein Stück seines Schwanzes eingebüßt. Er war begierig darauf, sich an dem Mann zu rächen. Aber er wusste auch nicht, wo der Mann wohnte. Der war immer mit dem Auto gekommen und so hatte der Fuchs keine Möglichkeit gehabt, dessen Spur zu folgen.

Die Vögel brachten auch nur Schreckensmeldungen von Fallen und gefangenen oder getöteten Vögeln.

„Ob das der Mann ist, der Paula eingesperrt hatte?“ fragte Rabe.

„Ich glaube ja“, antwortete Gwendolin. „Das passt jedenfalls zu dem, was Paula erzählt hat. Aber das muss doch nicht bedeuten, dass Paula wieder in seine Gewalt geraten ist.“

„Wenn der Kerl mit dem Auto kommt, wohnt er doch sicher weiter weg. So weit kann Paula doch nicht gelaufen sein“, meinte eine Krähe.

„Aber was ist, wenn sie in einer Falle gefangen ist?“ fragte eine andere.

„Habt ihr schon daran gedacht, dass er das Auto nimmt, damit man ihm nicht folgen kann? Außerdem ist es doch für ihn viel einfacher, die Fallen und die gefangenen Tiere im Auto zu transportieren. Paula hat erzählt, dass er eine Weile gefahren ist, aber oft sind die Wege im Auto weiter als wenn man einfach quer durch den Wald läuft. Es muss gar nicht so weit weg sein“, sagte Mimi.

Rabe nickte: „Du hast Recht. Er kann trotzdem in der Nähe wohnen. Und womöglich hat Paula ihn zufällig getroffen. Hören wir endlich auf, sinnlose Vermutungen anzustellen. Das hilft uns nicht weiter. Denkt lieber noch mal genau nach: Hat jemand noch irgendetwas Auffallendes bemerkt? Irgendetwas, das uns zu dem Haus des Kerls führt, damit wir uns überzeugen können, dass Paula nicht dort ist. Oder wenn doch, wie wir sie befreien können.“

Alle schwiegen, schließlich meldete sich eine Krähe: „Das Einzige, was mir aufgefallen ist, war ein Vogel, der immer wieder hochflatterte und wieder zu Boden fiel, so als ob er an einem Band festgebunden war.“

Gwendolin erstarrte: „Das hatte ich völlig vergessen. Davon hat Paula ganz am Anfang mal erzählt. Das war eine der Gemeinheiten des Mannes.“

„Findest du die Stelle wieder?“ fragte Rabe die Krähe.

„Ja, bestimmt.“

„Also dann schlage ich vor: Heute ist es leider schon zu dunkel, aber sobald es hell wird, sehen wir uns die Stelle genauer an. Mimi und Gwendolin, ihr wartet am besten hier. Ich komme zurück sobald ich Näheres weiß. Ich fürchte mehr können wir im Augenblick nicht tun. Fuchs, wenn du uns helfen willst, bleib doch gleich hier bis morgen früh. Wir können jede Hilfe brauchen. Hat noch jemand eine Idee?“

Alle schüttelten müde die Köpfe.

Hier geht die Geschichte weiter…

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