Märchenstunde

Philip Pinguin erzählt

Professor Dreikant
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Es war ein wunderbarer warmer sonniger Tag. Wir hatten es uns nach dem Mittagessen an einem schattigen Platz am Bach gemütlich gemacht und dösten vor uns hin. Plötzlich sprang Paula auf.

„Ich gehe zu unserem alten Garten.“
Gwendolin öffnete verschlafen ein Auge und fragte entgeistert: „Was willst du da denn?“
„Ich habe heute Nacht von dem Garten geträumt. Es war ein wunderschöner Traum und ich muss unbedingt nachsehen, ob es stimmt, was ich geträumt habe.“
„Spinnst du? Du glaubst doch wohl nicht, dass da ein Zauberer am Werk war. Als wir das letzte Mal da gewesen sind, war es scheußlich. Aufgewühlte Erde. Lauter Leute, die alles Mögliche ausgerissen haben; Maschinen, die Krach machten und stanken. Und die Hausruine war nur noch ein Haufen Steine und Dreck.“
„Ja, das weiß ich noch ganz genau. Wir sind geflüchtet als wir das gesehen haben. Aber trotzdem. Vielleicht hat sich ja doch etwas geändert.“
„Das glaubst du doch selber nicht. Aber wenn du meinst, dann sieh nach.“
„Das mache ich auch. Du musst ja nicht mitkommen.“
„Das hatte ich auch nicht vor.“

Paula drehte sich um und rannte los. Je näher sie ihrem Ziel kam, desto langsamer wurde sie. Und wenn Gwendolin doch Recht hatte? Vielleicht sollte sie lieber umkehren? Paula schob alle Zweifel beiseite und lief weiter. Als sie näher kam, konnte sie eine lange Reihe von Holzpfählen erkennen. Wozu waren die denn bloß gut, fragte sie sich. Vielleicht versperrte jetzt ein Zaun den Zugang. Noch einmal dachte sie ans Umkehren, aber ihre Neugier war größer.

Es war kein Zaun. Eine schier endlose Reihe von Holzbögen bildete eine Art Tunnel. An jedem einzelnen Holzpfahl rankten Pflanzen empor und viele von ihnen blühten und versprühten in der warmen Luft einen zauberhaften Duft. Paula stand sprachlos staunend davor und traute sich kaum, den Tunnel zu betreten. Hier war tatsächlich ein Zauberer am Werk gewesen.

Auf der anderen Seite war ein riesengroßer Garten, viel größer als Paula ihn in Erinnerung hatte. Lange Reihen von Beeten, auf denen offenbar Gemüse wuchs, wurden unterbrochen von Gruppen der unterschiedlichsten Sträucher. An vielen davon leuchteten reife Beeren, die ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Am liebsten hätte sie sich jetzt darauf gestürzt und von allem genascht, aber sie traute sich nicht. Und dann die unzähligen Obstbäume, deren Früchte leider noch unreif waren. Alles wirkte gepflegt und wohlgeordnet. An der einen Seite entdeckte sie Brombeerhecken. Geradeaus reichte ihr Blick bis zu einem Wall aus dichtem Buschwerk.

Ob es dahinter ein neues Haus gab? Das würde sie später erkunden. Zuerst wollte sie feststellen, wohin der Pflanzentunnel führte. Sie durchwanderte ihn langsam bis er am Bach endete. Voller Freude, dass es den Bach und auch die Fischteiche noch gab, hüpfte Paula ins Wasser und plantschte ausgelassen darin herum. Endlich kletterte sie auf der anderen Seite plitschnass heraus. Sie schüttelte sich, dass die Tropfen nur so sprühten.

Dann stutzte sie, was war das denn? Auch hier hatte der Zauberer gewirkt. Ein fast undurchdringlicher Pflanzendschungel hatte sich in eine große Blumenwiese verwandelt. Einige Bäume spendeten Schatten, die wie Inseln im Blütenmeer wirkten. Insekten und Schmetterlinge flogen geschäftig von Blüte zu Blüte. Paula ließ sich unter einem Baum nieder, beobachtete die bunten Schmetterlinge und begann mit offenen Augen zu träumen.

Lautes Geschrei schreckte sie aus ihren Träumen auf. Sie entschied sich in Sekundenbruchteilen.  Statt zu fliehen raste sie los, um herauszufinden, was da los war. Sie flog mit einem Riesensatz über den Bach; ohne Rücksicht auf Beete und Pflanzen stürmte sie quer durch den Garten, tauchte in das dichte Gebüsch und schlängelte sich darunter hindurch. Auf der anderen Seite angekommen, streckte sie vorsichtig den Kopf aus ihrem Versteck. Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Vor ihr breitete sich eine große Rasenfläche aus, auf der scharenweise Tiere saßen, die aus Leibeskräften Wörter schrien.

Paula kauerte wie erstarrt in ihrem Unterschlupf. Erst langsam erkannte sie, dass sie keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Die Tiere waren trotz des Lärms, den sie vollführten, alle friedlich. Eichhörnchen, Hasen, Kaninchen, Mäuse, Igel, Rehe und ein Dachs waren vertreten. Sogar ein Fuchs war dabei, der nicht den geringsten Versuch unternahm, eines der anderen Tiere zu jagen. Ein Maulwurf spähte keck aus seinem Hügel. Auf den Bäumen hockten jede Menge Vögel. Was war das nur für eine merkwürdige Versammlung?

Am Ende des Rasens stand ein neues Haus, auf dessen Terrasse eine etwas seltsame Figur bequem in einem Liegestuhl saß. Plötzlich sprang der Mann auf, wedelte abwehrend mit den Armen. „Genug, hört auf. Das waren schon mehr als genug Wörter!“
Die Tiere verstummten und sahen ihn erwartungsvoll an.
„Es war einmal…“ begann der Mann. Er unterbrach sich als er Paula entdeckte: „Da ist ja noch ein Neuankömmling. Herzlich willkommen. Wenn du gern Geschichten hörst, dann mach es dir bequem.“

Die meisten Tiere drehten sich zu Paula um und sahen sie neugierig an.
Völlig gefesselt von dem unglaublichen Anblick hatte Paula sich zu weit aus ihrer Deckung gewagt. Jetzt zuckte sie zurück wie ein ertappter Dieb.

„Du kannst ruhig näherkommen, kleiner Bär. Niemand wird dir etwas tun. Alle sind nur hier, um eine Geschichte zu hören.“ Zustimmendes Nicken ringsum bekräftigte seine Äußerung.
Paula zauderte. Konnte sie dem Mann trauen?

„Steh nicht rum und halt Maulaffen feil. Beeil dich. Wir wollen endlich die Geschichte hören.“ piepste eine Maus laut und vernehmlich. Paula machte zögernd ein paar Schritte und ließ sich ganz am Rand des Rasens nieder. Sie fühlte sich unsicher und angespannt und beobachtete genau, was sie um sie herum geschah, aber nach und nach löste sich ihre Befangenheit und sie achtete nur noch auf die Geschichte, die der Mann erzählte.

„Professor Dreikant versteht unsere Sprache…. der Garten ist wunderschön…er erzählt Geschichten… ganz viele Tiere….dürfen alle Beeren essen….und…“ Paula keuchte. Sie war wie ein Geschoss in den Raum gesaust, in dem wir behaglich beim Abendessen saßen, nachdem sie den ganzen Rückweg gerannt war, um ihre Neuigkeiten so schnell wie möglich loszuwerden. Wir starrten sie verständnislos an. Mimi lachte leise und meinte: „Jetzt hol erstmal tief Luft. Und dann fang nochmal von vorn an, ganz langsam, damit wir verstehen, wovon du redest.“ Und das tat Paula.

Sie hat uns so neugierig gemacht, dass wir gleich am nächsten Tag alle gemeinsam losmarschiert sind, um Professor Dreikant kennenzulernen.

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