Gwendolins Lehrzeit

Philip Pinguin erzählt

Gwendolin
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Gwendolin und Paula – 2. Kapitel

Vom Haus her nahten Schritte. Sie fuhren erschrocken auseinander. Gwendolin kletterte über den Zaun, verbarg sich in einem dichten Strauch und blickte lange traurig auf den Zwinger, der bis jetzt ihr Zuhause gewesen war. Endlich nahm sie allen Mut zusammen und rannte auf den nahen Wald zu. Jetzt konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie konnte kaum etwas erkennen und wäre beinahe gegen einen Baum geprallt. Sie ließ sich erschöpft ins Moos fallen. War sie überhaupt in die richtige Richtung gelaufen? Sie wusste es nicht. Außerdem hatte ihre Mutter nur ungefähr sagen können, wo sie die Füchsin finden würde. Sie war ja selber nie da gewesen.

Nach und nach nahm Gwendolin ihre Umgebung genauer wahr. Die meisten der vielen verschiedenen Pflanzen hatte sie noch nie gesehen. Ihr wurde kalt und sie musste sich entschließen, weiter zu gehen. Es regnete zwar nicht mehr, aber es tropfte immer noch von den Blättern und das Moos war vollgesogen mit Feuchtigkeit. Sie trottete aufs Geratewohl weiter durch dichtes Unterholz. Endlich erreichte sie eine Lichtung. Die Wolkendecke war aufgerissen und heller Sonnenschein empfing sie. Sie schüttelte das Wasser aus ihrem Fell und beschloss, sich hier auf einem umgestürzten Baum erst einmal auszuruhen und sich trocknen zu lassen.

„Das ist sehr unvernünftig von dir“, sagte eine Stimme neben ihr. Gwendolin fuhr erschrocken hoch, sie war doch tatsächlich eingeschlafen. „So ungeschützt einfach dazuliegen. Du bist hier nicht in deinem Zwinger. Du kannst von Glück sagen, dass ich es bin.“ Sie hatte die Füchsin gefunden.

„Komm erstmal mit zu meinem Bau.“ Sie liefen quer über die Lichtung und tauchten dann auf der anderen Seite in dichtes Gestrüpp ein. Die Füchsin schlängelte sich geschickt durch wuchernde Pflanzen, während Gwendolin sich abmühte mit ihr Schritt zu halten. In der Nähe einer kleinen Lichtung, durch die ein kleiner Bach plätscherte, blieb die Füchsin stehen.

„So da sind wir.“

Gwendolin blickte sich verdutzt um. Wo war denn nur der Bau? Sie konnte nichts entdecken.

Die Füchsin lächelte spitzbübisch, deutete auf ein halb verdecktes Loch im Boden. „Das ist der Eingang.“ Gwendolin erschrak. Unter der Erde?

„Was hast du erwartet? Hat deine Mutter dir nicht gesagt, dass wir in Gängen unter der Erde leben?“ Gwendolin schüttelte den Kopf.

„Ich zeig dir mein Reich. Komm!“

Sie verschwand in dem Loch. Gwendolin zögerte. „Komm schon.“

Gwendolin steckte vorsichtig den Kopf in das Loch. Es war stockfinster da drinnen. Die Füchsin nahm ihre Hand und zog sie weiter hinein. Gwendolin stolperte, stieß gegen Wände und fühlte sich entsetzlich ungeschickt.

„Mach dir nichts draus. Du gewöhnst dich daran. In so einem Bau kann ich mich wunderbar verstecken, wenn es sein muss. Hier drinnen ist es immer angenehm trocken. Und es gibt mehrere Ausgänge für den Notfall. Du wirst dich schnell zurechtfinden. Mach die Augen zu und konzentrier dich auf deine Hände und Füße und auf deinen Geruchssinn.“

Gwendolin schloss gehorsam die Augen. Sie schnüffelte und betastete die Wände, die Decke und den Boden. Nach einer Weile bemerkte sie, dass sich der Boden überall verschieden anfühlte. Die Erde verströmte einen kräftigen Geruch. Sie war richtig stolz auf sich, dass sie bemerkte als sich die Füchsin weiter fort bewegte. Der Geruch veränderte sich. Diese Fähigkeiten würde sie üben müssen. Bisher hatte sie sie ja kaum gebraucht.

„Es ist überlebenswichtig, mit allen Sinnen die Welt um dich herum aufzunehmen. Wenn du dich auf deine Augen beschränkst wirst du vieles gar nicht oder vielleicht zu spät erkennen. Du lernst das schon. Fang gleich an. Komm mir nach.“

Gwendolin setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Tastete sich mit den Händen an der Wand entlang, dem Geruch und dem Klang der Stimme nach.

„So jetzt setz dich.“

Sie waren in einem größeren Hohlraum angekommen. Die Füchsin hatte ihn mit Gras und Blättern ausgepolstert. Es war weich und roch gut. Gwendolin ließ sich fallen.

„So jetzt können wir in aller Ruhe reden. Ich habe deiner Mutter versprochen, mich um dich zu kümmern und das werde ich tun. Und ich werde dir jetzt genau erklären, wie ich das meine. Also, in einigen Wochen erwarte ich eigenen Nachwuchs. Die Kleinen werden dann meine ganze Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb werden wir unseren Unterricht sehr zügig betreiben, damit du bis dahin allein zurecht kommst. Du kannst dann natürlich noch weiterhin hier wohnen, wenn wir für dich noch nichts passendes gefunden haben. Aber du musst dann in der Lage sein, dich selber zu versorgen. Daher fangen wir am besten gleich an. Mach nicht so ein erschrockenes Gesicht. Der Anfang fällt dir vielleicht schwer. Aber ich bin sicher, dass du schnell lernen wirst. Hast du überhaupt eine Ahnung, worauf es ankommt, wenn du allein für dich sorgen musst?“

Gwendolin schluckte. Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukam. Wie ein riesengroßer Berg lagen die Anforderungen ihres zukünftigen Lebens vor ihr.

„Also keine Ahnung?“

„Nein.“

„Ganz ruhig. Weißt du, wir lernen das als Kinder in ein paar Wochen. Du kannst das auch. Ich werde dir alles ganz genauso zeigen wie ich es bei meinen Kindern mache. Heute Nachmittag gehen wir los und besorgen was zu essen. Halte dich immer dicht bei mir. Und jetzt ruh dich ein bisschen aus.“

In den folgenden Wochen zeigte ihr die Füchsin alles, was sie selber über das Leben wusste. Sie zeigte ihr, welche Dinge man essen konnte, wie man kleine Tiere jagte. Sie zeigte ihr, wie man überlebte in einer feindlichen Umwelt. Gwendolin war eine sehr gelehrige Schülerin. Zu Beginn konnte sie kaum Schritt halten, wenn sie zusammen durch Wald und Feld unterwegs waren. Und manchmal verzweifelte sie an sich und ihren Fähigkeiten. Aber mit der Zeit fiel es ihr immer leichter. Es machte ihr richtig Spaß. Sie konnte es selber fast nicht glauben als sie das zum ersten Mal bemerkte. Jetzt war sie auch sehr oft schon allein unterwegs. Die Zeit verging wie im Flug. Als der Tag der Geburt der kleinen Füchse näher rückte war sie in der Lage für sich selber zu sorgen.

Eines Tages entdeckte sie im Wald einen kleinen See mit einer Insel. Die Insel bestand nur aus einem knorrigen alten Baum und ein bisschen Gestrüpp ringsherum. Sie schwamm hinüber, um sich die Insel genauer anzusehen. Sie kletterte auf den Baum und entdeckte eine kleine Höhle, die wie für sie gemacht schien. Sie konnte bequem darin liegen und war gut geschützt. Als es am nächsten Tag heftig regnete, ging sie wieder zu der Höhle und zu ihrer Freude stellte sie fest, dass es drinnen trocken blieb. Sie beschloss, hier ihre Wohnung einzurichten. In den folgenden Tagen trug sie trockenes Gras und Moos in die Höhlung und polsterte sie damit aus. Jetzt war sie bereit für ihr eigenes Leben. Die Füchsin war sehr zufrieden mit ihr und lud sie ein, sie zu besuchen, wenn die Kinder auf der Welt waren.

Auf ihren Streifzügen traf Gwendolin jeden Tag viele Tiere. Mit einigen schloss sie Freundschaft und sie lernte immer neue Dinge. Jedes Tier hatte andere Lebensgewohnheiten und sie übernahm die Dinge, die sie für sich als brauchbar erkannte. Sie probierte alle möglichen Pflanzen; sie aß nicht gern Mäuse oder andere kleine Tiere. Sie musste deshalb so viele essbare Pflanzen wie möglich finden. Irgendwann hatte offenbar jemand einen Garten mitten im Wald angelegt. Der Garten war inzwischen verwildert, aber die Obstbäume darin trugen immer noch viele Früchte. Noch waren sie unreif, aber im Sommer und Herbst würde sie hier jede Menge zu essen finden. Sie ging fast jeden Tag hin, um zu sehen, ob nicht schon irgendeine Frucht reif wäre.

An ihrem neuen Leben hatte sie so viel Freude gefunden, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, warum sie solche Angst davor gehabt hatte. Nur manchmal hatte sie Sehnsucht nach ihrer Mutter. Und so machte sie sich an einem schönen Sommertag auf den Weg zu ihrem alten Zuhause. Sie malte sich aus, wie stolz ihre Mutter auf sie sein würde, wenn sie ihr von ihrem Leben erzählte. Sie fand den Weg ohne Schwierigkeiten. Es war nicht so weit wie sie geglaubt hatte. Schon nach kurzer Zeit stand sie vor dem Zwinger.

Ihr Erscheinen verursachte ein großes Freudengeschrei. Ihre Mutter schloss sie jubelnd in die Arme. Gwendolin erzählte ihr stolz, was sie alles gelernt hatte. Jetzt war ihre Mutter sicher, dass sie sie keine Sorgen mehr um ihre Tochter machen musste. Im Zwinger hatte sich auch viel verändert. Es waren viele neue kleine Hunde dazugekommen. Gwendolin freute sich über vier neue Geschwister und spielte lange mit ihnen. Am Nachmittag machte sie sich glücklich und zufrieden auf den Rückweg. Sie hüpfte fröhlich vor sich hin. Plötzlich erstarrte sie mitten in der Bewegung.

Hier geht die Geschichte weiter…

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