Gwendolin muss ihr Zuhause verlassen

Philip Pinguin erzählt

Gwendolin
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Gwendolin und Paula – 1. Kapitel

Hallo, hier bin ich wieder, Philip Pinguin. Ich habe leider ziemlich lange gebraucht bis ich die Lebensgeschichten von Gwendolin und Paula zusammen hatte. Denn ich bin ja erst viel später hierher gekommen und habe die ganzen aufregenden Ereignisse nicht miterlebt. Und keine der beiden wollte selber erzählen. Sie meinten, ich würde das schon richtig machen.

Gwendolin schmiegte sich an ihre Mutter. Morgen früh musste sie gehen. Sie musste ihr Zuhause verlassen und war dann ganz auf sich selber gestellt. Sie dachte an ihre Geschwister, die so ganz anders aussahen als sie. Zu Anfang hatte sie sich nichts dabei gedacht. Aber nach und nach wurde ihr klar, dass sie keinen neuen Besitzer finden würde, der dann für sie sorgte. Sie dachte an den Tag als sie das erste Mal auf den Baum im Zwinger geklettert war. Sie hörte noch den Schreckensschrei der anderen Hunde, für die es völlig undenkbar war, irgendwo hinauf zu klettern. Sie standen um den Baum herum und jammerten, sie würde bestimmt gleich herunterfallen. Von dem Tag an sahen die anderen sie an als käme sie von einem fremden Stern. Das änderte nichts daran, dass ihre Mutter sie wirklich liebte und sich besonders darum kümmerte, dass sie möglichst viel lernte. Jetzt wusste sie, dass ihre Mutter immer gewusst hatte, dass sie nicht hier bleiben konnte. Das Verhalten der Besitzer des Hundezwingers waren ihr gegenüber mit der Zeit immer ablehnender geworden.

Und dann dieser Nachmittag: sie war wie schon so oft über den Zaun geklettert und lief wieder einmal außerhalb des Zwingers herum; da hatte sie die Menschen sprechen gehört.

„So einen unnützen Fresser können wir uns nicht leisten.“

„Aber…“

„Ja, ich gebe ja zu, es wäre bestimmt interessant zu sehen, was daraus wird. Aber wir kommen so schon kaum zurecht. Es geht nicht anders. Wir haben uns wirklich bemüht jemanden zu finden, der sie nimmt, vergeblich. Ich bringe sie morgen zum Tierarzt.“

„Du hast ja Recht. Aber ich fühle mich richtig schlecht, wenn ich daran denke.“

Gwendolin duckte sich noch tiefer in die dunkle Ecke. Sie wusste genau, dass die Menschen von ihr sprachen. Was sollte nur aus ihr werden? Was nützte es ihr schon, wenn ihre Besitzer sich nicht wohlfühlten, wenn sie sie töten ließen. Sie fragte sich, ob ihre Mutter ihr irgendwie helfen könnte. Die Menschen gingen weiter und sie schlich sich vorsichtig zu dem Zwinger. Ihre Mutter wartete schon auf sie:

„Ich habe dich schon die ganze Zeit gesucht. Wo warst du nur? Du musst morgen früh weg. Sonst …”

„Ja, ich habe die Menschen vorhin reden hören. Wo soll ich nur hin?“

Sie stürzte in die Arme ihrer Mutter. Es gab also keine Hoffnung für sie. Sie begann zu weinen. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie hatte sich daran geklammert, dass ihre Mutter einen Weg wüsste, dass sie hier bleiben könnte. Und jetzt musste sie erfahren, dass ihr dieser Weg versperrt war.

„Gwendolin, hör auf zu weinen. Du bist zwar klein, aber du bist stark und hast einen festen Willen. Und du hast Durchsetzungsvermögen. Du schaffst das. Hör zu, du gehst jetzt zu unserer Freundin, der Füchsin. Ich habe schon mal mit ihr über dich gesprochen. Sie ist bereit, dir weiter zu helfen. Bitte, du musst es wenigstens versuchen. Ich möchte so gern, dass du deinen Weg gehst, auch wenn ich vielleicht nie erfahre, wohin er dich führt.“

Gwendolin schluchzte noch eine Weile weiter. Schließlich beruhigte sie sich. Sie erkannte plötzlich, dass ihre Tränen ihrer Mutter wehtaten. Und sie wollte sie um keinen Preis verletzen. Sie wusste auch, dass es keine andere Lösung mehr gab. Sie gab sich einen Ruck.

„Ja, ich gehe zu Frau Füchsin.“

Jetzt lag sie neben ihrer Mutter. Sie spürte, dass ihre Mutter auch nicht schlafen konnte. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sie außerhalb des Zwingers und seiner Sicherheit leben sollte. Wo sollte sie etwas zu essen hernehmen? Wie sollte sie überhaupt die Füchsin finden? Gab es Tiere, die sie fürchten musste?

Zwischen all diesen Gedanken schlief sie immer wieder kurz ein. Dann plagten sie unruhige Träume von Monstern, die sie auch nach dem Aufwachen noch in ihrem Bann hielten und sie ängstigten. Schließlich brach der Morgen an. Es war kühl und regnerisch.

Plötzlich rief einer der anderen Hunde: „Gwendolin, schnell versteckt dich. Das Futter kommt.“

Sie taumelte hoch, versteckte sich zusammengerollt in der hintersten Ecke des Zwingers.

Die Besitzerin öffnete die Tür, füllte Futter in die Näpfe und goss frisches Wasser ein. Dabei sah sie sich fortwährend um. Schließlich ging sie kopfschüttelnd wieder zum Haus zurück. Alle Mitbewohner achteten darauf, dass Gwendolin besonders viel zu essen bekam. Obwohl sie sich Zeit ließen rückte der Abschied näher.

„Du musst jetzt gehen. Wenn sie anfangen dich zu suchen, ist es vielleicht zu spät.“

Ihre Mutter nahm sie ganz fest in den Arm, wollte sie am liebsten nicht mehr loslassen. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie ihrer Tochter nichts darüber beigebracht hatte, wie man in der Welt allein überlebt.

„Aber Mutter,“ schniefte Gwendolin. „Mach dir doch keine Vorwürfe. Wie konntest du mir das  beibringen. Das hast du doch selber nie gelernt. Ich komme bestimmt zurecht.“

Gwendolin gab sich zuversichtlich und bemühte sich die Tränen zurückzuhalten. Sie wollte es ihrer Mutter nicht noch schwerer machen als es sowieso schon war. Ihre Mutter war immer stolz darauf gewesen, dass ihre Kinder gut geraten waren und sich Hundeliebhaber für sie gefunden hatten. So konnte sie sicher sein, dass gut für sie gesorgt wurde. Nur Gwendolin musste sie in eine ihr unbekannte Welt schicken. Die Tränen liefen über ihr Gesicht, vielleicht würde sie ihre Tochter nie wiedersehen. Was sollte nur aus ihr werden? Die Füchsin hatte ihr zwar versprochen, sich Gwendolins anzunehmen. Aber wenn sie womöglich selber Kinder erwartete, was dann?

Hier geht die Geschichte weiter…

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