Fundstücke

Rabe erzählt

Rabe
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Ein Fuchs saß unter einem Baum nahe an einem tiefen Abgrund und starrte in die Luft.
Ein Wolf näherte sich: „Wieso starrst du Löcher in die Luft?“

„Keine Löcher. Sieh mal da.“

„Was ist das denn?“ An einem dicken Ast baumelte an einem Strick ein Trommelrevolver.
„Das ist so ein Ding, mit dem die Menschen sich gegenseitig totschießen.“ Der Fuchs freute sich, endlich einmal sein Wissen anbringen zu können. „Und solche ähnlichen Dinger benutzen sie leider auch, um uns zu totzuschießen.“

Der Wolf setzte sich neben den Fuchs und nun sie starrten gemeinsam das Ding an.

„Hallo, gibt’s da oben irgendwas Besonderes?“ Ein Bär gesellte sich zu ihnen.
„Nein, wir überlegen nur wie das Ding dahin gekommen ist.“

„Welches Ding?“

„Na, das da oben.“

„Oh, das da. Das ist allerdings seltsam. Die Menschen sind schon sonderbare Wesen. Wo die überall ihre Sachen achtlos liegen lassen. Und was ist in der Flasche? Und wo ist der Mensch geblieben?“

„Keine Ahnung, was in der Flasche ist. Sollen wir probieren? Und der Mensch, hast du den zufällig gesehen?“

Der Bär schüttelte den Kopf: „Außerdem mag ich keine. Sie liegen so schwer im Magen mit all den merkwürdigen Sachen, die sie anhaben. Das schmeckt einfach nicht. Und euch ist er auch nicht begegnet?“

„Nein,“ sagte der Wolf. „Übrigens, was ist das hier?“ Er zog ein Rasiermesser aus dem Boden, das bis zum Heft in der Erde gesteckt hatte.

„Sei bloß vorsichtig,“ mahnte der Fuchs. „So ein Ding ist scheußlich scharf.“

Der Wolf schleuderte das Rasiermesser von sich als wäre es eine giftige Schlange, wandte sich der Flasche zu und machte sich daran zu schaffen. „Schmeckt ganz gut.“ verkündete er.

„Lass mich auch mal.“ Der Fuchs drängte den Wolf beiseite. „Stimmt. Willst du auch?“

Der Bär konnte sich nicht so recht entschließen.

„Du musst nicht. Dann bleibt mehr für uns beide.“ frohlockte der Wolf.

Abwechselnd tranken sie einen Schluck, dann noch einen, dann …

„Ich würde das an eurer Stelle sein lassen.“ ertönte eine Stimme über ihnen. Der Fuchs ließ vor Schreck beinahe die Flasche fallen. Ein Geier hatte sich auf einem Ast niedergelassen.
„Wenn ihr zu viel von dem Zeug trinkt – es ist übrigens Rotwein, falls ihr das nicht wissen solltet – dann bleibt ihr nachher schlapp hier liegen und könnt euch nicht mehr rühren, vielleicht fallt ihr sogar da runter.“ Der Geier deutete auf den Abgrund.

„Woher weißt du das?“ fragte der Wolf misstrauisch; womöglich wollte der Geier den Rotwein für sich.

„Oh, ich habe schon beobachtet wie Menschen das Zeug in Mengen tranken und dann einfach umfielen. Manchmal habe ich gewartet, in der Hoffnung auf eine Mahlzeit, aber die Leute sind irgendwann wieder aufgestanden. Es ging ihnen allerdings meistens miserabel.“

„Hast du eine Ahnung wie die Sachen hierher gekommen sind?“ fragte der Bär.

„Warum und wieso das Zeug da liegt, weiß ich auch nicht, aber warum es noch da liegt, das kann ich euch sagen.“

„Mach schon“, drängte der Fuchs. „Lass dir nicht jedes Wort einzeln aus dem Schnabel ziehen.“

„Also, das war so: als ich herkam, saß der Typ – sah so aus wie ein Wanderer, davon laufen ja eine ganze Menge hier im Nationalpark herum – unter dem Baum und trank von dem Wein. Der Revolver hing schon da oben und ein Messer steckte im Boden. Die Sonne war gerade untergegangen, und der Kerl war dabei, sich in eine wunderbar trostlose Stimmung zu versetzen. Er brabbelte irgendwelches unzusammenhängende Zeug vor sich hin und bemühte sich, seinen kläglichen Zustand weiter zu verschlechtern.“ Der Geier machte eine lange nachdenkliche Pause.

„Ja, und dann? Ist der vielleicht da runter?“ fragte der Fuchs ungeduldig.

„Nein, das nicht.“

„Ja, was dann? Erzähl schon, mach’s doch nicht so spannend.“

„Ganz einfach. Sein Handy hat geklingelt.“

„Sein was?“

„Ja, sein Handy hat geklingelt und der Lärm hat ihn aus seiner schönen miesen Stimmung gerissen. Er ist aufgesprungen wie von der Tarantel gestochen, hat fürchterlich geflucht, ist aber rangegangen, hat kurz zugehört und ist dann wie von Furien gehetzt da lang gerannt.“ Der Geier deutete mit einem Flügel unbestimmt irgendwohin talwärts. „Tja, mehr weiß ich auch nicht. Also macht’s gut, Leute. Ich muss weiter, mein Magen knurrt.“

Der Geier erhob sich in die Lüfte und schwebte in hohem Bogen davon. Bär, Fuchs und Wolf sahen ihm nach.

„Aha, da ist der also runter gerannt. Ist furchtbar gefährlich da im Dunkeln zu rennen.“ meinte der Bär.

„Ja, besonders für Zweibeiner.“ ergänzte der Wolf.

„Ich glaube, der Geier hat uns den Schluss der Geschichte vorenthalten.“ argwöhnte der Fuchs.

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