Die Reise mit dem Weihnachtsmann

und seinem Rentier Fritz

Philip PinguinPhilip Pinguin erzählt

Es ruckelte tatsächlich fürchterlich, der Schlitten schwankte bedrohlich hin und her. Seine Fahrgäste klammerten sich ängstlich fest, während ich sicher auf Fritz saß, als wäre ich dort festgeklebt. Fritz hatte nicht zu viel versprochen.

„Lieber Himmel, bin ich steif geworden, aber gleich geht’s besser. Ich werde langsam warm. Dieses endloses Herumstehen hier im Vorgarten ist wirklich abscheulich.“ brummelte Fritz.

Und richtig, seine Bewegungen wurden schneller, weicher und geschmeidiger je länger er lief. Dann hob der Schlitten ab und glitt sanft aufwärts. Paula und Gwendolin klammerten sich noch immer aneinander.

„Ihr braucht keine Angst zu haben. Fritz weiß genau, was er tut. Und wir haben diesen Weg schon viele Male gemeinsam zurückgelegt. Das letzte Mal ist leider schon ziemlich lange her.“

Der Weihnachtsmann lehnte sich aufseufzend in die Kissen.

„Ich bin froh, dass ihr gekommen seid. So kann ich dieses Jahr endlich wieder meiner Aufgabe nachgehen und Geschenke verteilen. Ihr glaubt gar nicht wie sehr ich mich danach gesehnt habe, endlich wieder mit Fritz auf die Reise zu gehen.“ Er bemerkte Fred, der sich in seinem weiten Mantel verkrochen hatte. Er hob ihn vorsichtig hoch, damit er sich umsehen konnte. „Sieh mal, wie schön die Erde aussieht. Der frisch gefallene Schnee ist noch unberührt und schimmert im Mondlicht. Ich könnte stundenlang einfach so sitzen und beobachten.“ Er setzte Fred wieder auf seinen Schoß. „Wenn du einen anderen Platz möchtest, von dem du besser sehen kannst, sag Bescheid.“ Fred nickte nur, ihm hatte es die Sprache verschlagen. Der Weihnachtsmann strich mit einer Hand über seine Mütze. „Ich hatte gedacht, dass da oben auch jemand sitzt“, murmelte er.

„Stimmt auch“, meldete sich Rabe, der geschickt der Hand ausgewichen war. „Soll ich mich woanders hinsetzen?“

„Nein, bleib nur da, wenn es dir gefällt. Mich stört das nicht, ich wollte mich nur vergewissern.“

Dann betrachtete er seine Mitreisenden näher. Sie schienen sich nicht besonders wohl zu fühlen. Sie sahen ihn mit großen Augen an, als sei er ein Wesen von einem anderen Stern. Er lachte leise und fing dann an zu erzählen:

„Ich kann euer Verhalten gut verstehen, mir ginge es in eurer Lage auch nicht anders. Aber jetzt genießt die Fahrt und ich erkläre euch einige Dinge. Früher waren der Weihnachtsmann und seine vielen Gehilfen immer gern gesehen. Sie verteilten die Geschenke und die Menschen – vor allem die Kinder – freuten sich auf seinen Besuch und verließen sich darauf. Aber nach und nach fingen die Menschen an, sich selber als Weihnachtsmann zu verkleiden. Und jetzt könnt ihr haufenweise falsche Weihnachtsmänner herumlaufen sehen. Sie tun so, als seien sie echt und verteilen ein paar Kleinigkeiten. Mehr haben sie nicht zu bieten. Kein Wunder, die Kinder richten ihre Wünsche immer noch an den Weihnachtsmann. Wie sollen diese verkleideten Figuren also wissen, was die Kinder sich wünschen? Und weil die Erwachsenen dem Weihnachtsmann nicht mehr vertrauen, rennen sie selber los und kaufen bergeweise Sachen ein, die wahrscheinlich kaum einer braucht, denn sie kennen die Herzenswünsche ihrer Kinder nicht. Na ja, manche vielleicht. Die anderen besorgen nur teuren Ersatz.

Aber das Schlimmste an der Sache ist, diese Herzenswünsche werden erfüllt. Jedes Jahr stapeln sich mehr Geschenke und kaum einer von uns ist in der Lage die vielen Pakete auszuliefern.

Uns, die echten Weihnachtsmänner haben die Menschen dazu verurteilt, als Dekoration herumzuhängen oder zu stehen. Ich darf gar nicht daran denken, wie viele von uns irgendwo an einem Strick aufgehängt sind, um Häuserfassaden zu schmücken. Es ist entsetzlich und so entwürdigend. Aber Fritz‘ und meine Lage ist auch nicht viel rosiger. Seit Jahren sind wir dazu verdammt, in der Vorweihnachtszeit als Lichterkette im Garten herumzustehen; den Rest des Jahres verbringen wir in einem düsteren Keller. Vielleicht könnt ihr euch jetzt besser vorstellen, was es für uns bedeutet, dass ihr es uns dieses Jahr ermöglicht, unsere Arbeit zu tun.“

Der Schlitten glitt ruhig und pfeilschnell durch die Nacht. Paula und Gwendolin hatten sich losgelassen, saßen zufrieden nebeneinander und beobachteten den klaren Himmel über sich, der immer näher zu kommen schien. Die Sterne leuchteten viel heller als sie es vorher je gesehen hatten.

Mimi dagegen genoss den Anblick der verschneiten Welt unter ihnen. Gerade überquerten sie eine kleine Stadt mit all ihren beleuchteten Fenstern, Straßenlaternen und den vielen Weihnachtsdekorationen in den Straßen. Alles wirkte von hier oben wie Spielzeug. Mimi starrte wie gebannt nach unten.

Nach einer Weile fragte Gwendolin: „Ist Philip auf dem Rentier sicher? Wenn ich ihn da so sehe, habe ich Angst, er könnte runter fallen.“

„Wofür hälst du mich eigentlich?“ schnaubte Fritz. „Von meinem Rücken ist noch kein Reiter runtergefallen. Da passe ich schon auf. Aber wenn du noch mal aufsteigst, bitte etwas sanfter und vorsichtiger.“ wandte er sich an Philip.

„Entschuldige, ich wollte dir nicht wehtun…“

„Weiß ich doch, du konntest schließlich nicht wissen, dass ich das spüre. Also keine langen Entschuldigungen. Nur besser machen nächstes Mal.“

„Ja, klar mache ich. Es macht mir riesigen Spaß, auf deinem Rücken zu sitzen, ich fühle mich ganz sicher hier.“ Fritz schnaubte wieder, aber dieses Mal klang es erfreut.

In der Ferne war eine große weiße Wolke zu sehen und Fritz hielt genau darauf zu. Ein riesiges Tor öffnete sich und sie fuhren in einen dunklen Gang. Fritz‘ Nase begann wie ein Scheinwerfer zu leuchten und wies ihnen den Weg. Hinter ihnen schloss sich das Tor während vor ihnen ein anderes aufging. Sie kamen in einen strahlend hell erleuchteten Saal. Regale voller Päckchen und Pakete, die in schier endlose Höhen reichten, bedeckten sämtliche Wände. Fritz fuhr noch eine ganze Strecke weiter bevor er anhielt.

„So, da wären wir“, sagte der Weihnachtsmann und stieg aus. Er deutete auf schmalen Bereich: „Das da, von oben bis unten ist der Teil, für den ich zuständig bin. Da könnt ihr mal sehen, was in den letzten Jahren alles liegengeblieben ist. Und das alles müssen wir dieses Jahr wegschaffen. Dazu brauche ich eure Hilfe. Und dann seht euch den ganzen Rest an, der dieses Jahr wahrscheinlich wieder liegenbleiben wird. Es ist zum Verzweifeln.“

Er öffnete eine Kiste, nahm einige Säcke heraus und gab jedem einen. Jeder hielt seinen Sack genauso wie er es ihnen vormachte. Wie von selber flogen die Pakete in die Säcke. Wir standen da und staunten. Unmengen dieser Pakete passten hinein. Dann wurden die Säcke zugebunden und auf den Schlitten verladen. Der Weihnachtsmann konnte sich gerade noch daneben auf die Bank quetschen. Die anderen hockten sich auf die Säcke. Fritz wendete und sie fuhren wieder los. Die Tore öffneten sich selbsttätig und ließen sie durch.

„Dieses Jahr werden wir etwas unvorschriftsmäßig vorgehen. Eigentlich müsste ich alle diese Geschenke am Weihnachtsabend natürlich persönlich abgeben, aber das schaffen wir beim besten Willen nicht. Viele Kinder werden also erst morgen ihre Geschenke vorfinden. Aber das ist immer noch besser als überhaupt nicht. Selbst um das zu schaffen, benötigen wir viele Stunden. Und zwischendurch brauchen wir schließlich auch eine Pause. Fritz und ich wenigstens.“

Fritz eilte zur nächsten Stadt, die in ihrem Amtsbereich lag. Der Schlitten sank tiefer, fast bis auf die Hausdächer. Der Weihnachtsmann öffnete den ersten Sack und die Geschenke suchten sich ihren Weg zu den Empfängern, die auf den Schildern vermerkt waren. Sofern es Terrassen und Balkone gab, landeten die Pakete dort. Andere landeten auf Fensterbänken und vor Haustüren. Als alle Säcke leer waren, machten sie sich auf den Weg zur weißen Wolke, um die nächste Ladung zu holen. Sie hinterließen eine bunt bestreute Landschaft.

Der Weihnachtsmann kicherte vergnügt: „ Die werden sich morgen früh wahrscheinlich wundern, was da geschehen ist. Das haben sie schließlich noch nie erlebt.“

Nach jeder Auslieferung machten sie in einem dafür vorgesehenen Raum in der weißen Wolke eine kurze Pause. Sie labten sich an den wunderbaren Dingen, die dort bereitlagen. Dann arbeiteten sie weiter. Die Menge der Geschenke schien überhaupt nicht abzunehmen, obwohl dieser Weihnachtsmann nur für einen kleinen Teil zuständig war. Irgendwann hörten sie auf zu zählen, wie oft sie schon hin und her gefahren waren. Endlich verlangte Fritz eine ausgiebige Rast, die ihm selbstverständlich auch gewährt wurde. Danach ging es mit neuer Kraft weiter bis endlich alles verteilt war.

„Wir machen jetzt noch mal Pause in der weißen Wolke und dann fahren wir auf einem weiten Umweg zurück. Ich hoffe, das macht euch nichts aus. Fritz und ich möchten diesen Tag genießen solange es geht. Wer weiß, wann wir wieder eine solche Gelegenheit erhalten. Trotzdem bin ich ein wenig traurig, weil wir nicht einen meiner Kollegen getroffen haben.“

Wir stimmten begeistert zu. Wenn es nach uns gegangen wäre: wir könnten noch tagelang weitermachen. Der Morgen dämmerte als wir wieder im Garten landeten. Wir verabschiedeten uns von Fritz und dem Weihnachtsmann und versprachen ihnen, im nächsten Jahr wieder zu kommen.

Mimi rieb sich die Augen und reckte sich: „War das eine schöne Reise. Nanu, es regnet ja. Es liegt ja gar kein Schnee. Haben wir alles nur geträumt?“

„Nein,“ meinte Gwendolin. „Sieh mal, es wird schon hell und wir haben doch nicht die ganze Nacht auf dem Drahtgestell verbracht. Das war ganz schön unbequem nachdem wir uns mühsam darauf verteilt hatten. Ich war kurz davor zu sagen, dass das Ganze eine Schnapsidee ist. Aber dann…Nein, wir haben nicht geträumt.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ bekräftigte ich. „Wisst ihr, Fritz‘ Rücken fühlte sich so warm und lebendig an. Und sein Fell war so dicht und weich. Das war kein Traum. Wir waren wirklich mit dem Weihnachtsmann auf Reisen.“

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