Der erste Winter

…und lauter neue Erfahrungen

Paula„Was haltet ihr davon, heute zu baden?“

Gwendolin und Paula sahen Mimi entgeistert an. Draußen war es scheußlich kalt und nass.

„Nein, ich meine nicht draußen. Ich habe euch doch das Badezimmer mit den beiden Wannen, der kleinen und der großen gezeigt, das Elisabeth nicht mehr braucht.

Ab und zu lässt sie mir ein Bad ein. Erst seift sie mich ein, spült mich ab und dann genieße ich das warme Wasser. Wenn ich fertig bin, trocknet sie mich mit einem schönen warmen weichen Handtuch ab. Und wenn ich möchte, bürstet sie mich auch noch. Ich hab mal wieder Lust dazu. Wenn ihr mitmacht, bekommen wir bestimmt die große Wanne zum Baden. Für mich allein reicht die kleine Wanne, meint Elisabeth.“

Gwendolin und Paula staunten. So etwas hatten sie noch nie gemacht. Aber es klang verlockend; sie waren einverstanden. Sie hatten Glück, Elisabeth hatte Zeit dafür und ließ Wasser in die große Wanne. Dann seifte Elisabeth sie nacheinander in der kleinen Wanne ein, spülte sie ab und setzte sie dann in die große. Sogar Paula mochte es inzwischen sehr gern, wenn Elisabeth sie streichelte. Noch besser gefiel ihr das Einseifen.

Und dann plantschten sie zu dritt im warmen Wasser bis fast nichts mehr in der Wanne war. Zum Glück hatte das Badezimmer einen Abfluss im Boden, so dass das Wasser ablaufen konnte. Sie ließen sich trockenreiben und bürsten.

„Das war prima.“ sagte Gwendolin. „Wie oft machen wir das?“

„Wir fragen einfach, wenn wir wieder Lust dazu haben. Elisabeth sagt uns dann schon, ob und wann es ihr passt.“ erklärte Mimi.

Mimi liebte es in klaren Nächten auf dem Dach zu sitzen und die Sterne zu beobachten. Gwendolin und Paula hielten das für eine ziemlich verrückte Beschäftigung. Es war bestimmt gefährlich da oben. Aber sie waren neugierig. Und so kletterte erst Paula mit aufs Dach und Gwendolin folgte nach einer Weile. Allein im Zimmer fühlte sie sich nicht recht wohl. Mimi hatte auf dem Dach einen Platz gefunden, auf dem sie alle drei bequem sitzen konnten. Es war windgeschützt und sie hatten einen wunderbaren Blick auf den dunklen sternenübersäten Himmel. Und Mimi erzählte ihnen Geschichten, die irgendwo auf fremden Sternen spielten.

Tagsüber erkundeten sie den Garten, der zum Haus gehörte. Er war zwar jetzt genauso kahl wie der, in dem sie eine Weile gelebt hatten, aber es gab trotzdem immer wieder Neues zu entdecken. Der Garten grenzte an einer Seite an einen kleinen See, an einer anderen an einen Wald. Das Haus war das letzte von vier Häusern auf dieser Seite der Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen noch vier weitere Häuser. Die Gärten der Nachbarhäuser mieden sie. Paula hatte Angst davor, von anderen Menschen gesehen zu werden.

Und dann fiel eines Nachts der erste Schnee. Morgens war alles weiß. Gwendolin und Paula rannten nach draußen, kugelten sich im Schnee und bewarfen sich damit. Das war herrlich. Und hinterher im Zimmer aufwärmen. Rabe erschien häufig zu Besuch. Er hatte immer Hunger und sie bewahrten immer Essen für ihn auf. Er wusste alle möglichen Geschichten, von denen er nie verriet, welche davon wahr waren und welche er erfunden hatte.

Die Zeit verging ihnen wie im Fluge. Als die ersten Frühlingsblumen blühten, rannten Paula und Gwendolin erwartungsvoll zu ihrem Garten. Wie mochte es da jetzt aussehen? Sie mussten enttäuscht feststellen, dass ihr Garten immer noch trostlos aussah, obwohl sich auch hier ein paar Blüten zeigten. Ob es je wieder so werden würde wie im letzten Jahr? Sie konnten es sich kaum vorstellen.

„Ihr müsst noch Geduld haben. Das dauert noch einige Wochen“, sagte Mimi. „Ihr werdet jeden Tag Veränderungen feststellen, wenn ihr darauf achtet.“

Mimi hatte Recht. Voller Freude bemerkten sie jeden Tag ein paar weitere grüne Spitzen, neue Blumen. Die ersten Bäume blühten. Nach und nach entfalteten sich die Blätter an den Bäumen.

Eines Morgens wachte Paula besonders früh auf. Sie fühlte sich unruhig und hatte keine Erklärung dafür. Sie lief allein los ohne einen der anderen aufzuwecken. Irgendetwas zog sie unwiderstehlich zu der Insel, auf der sie die Nacht in Gwendolins Versteck verbracht hatten. Sie wusste nicht, was sie da wollte. Dann überquerte sie zum ersten Mal seit damals den Bach. Es kam ihr vor, als würde sie verbotenes Gelände betreten. Trotzdem lief sie einfach weiter.

Hier geht die Geschichte weiter…

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