Das Mondmännlein


 

 

Professor Dreikant erzähltProfessor Dreikant

vom Mondmännlein und seinem Abenteuer mit dem Wassermann.

Das Mondmännlein stand verloren mitten im Wald. Die Nacht war stockfinster nachdem der Mond sich hinter einer Wolke versteckt hatte. Es hörte Geräusche um sich herum, die es nicht kannte und die es ängstigten. Wie war es nur hierher geraten? Es hatte doch eben noch auf seinem bequemen Lager auf dem Mond vor sich hin geträumt. Es machte vorsichtig einen Schritt, trat auf welkes Laub, das laut knarrende Geräusche von sich gab. Erschrocken hielt das Mondmännlein inne. Es spürte jemanden in seiner Nähe.

„Ist da jemand?“ flüsterte es kaum hörbar.
„Ja, du befindest dich auf meinem Gebiet, auf dem du nichts verloren hast.“ kam die grollende Antwort.“Oder habe ich dich etwa eingeladen oder dir meine Erlaubnis gegeben?“ Die Stimme klang laut und drohend.
„Wer bist du? Ich bin doch fremd hier. Wo bin ich denn nur?“
„Willst du mir etwa einreden, du wüsstest nicht, dass du dich auf verbotenem Gelände befindest? Sag mir, wer du bist und was du hier willst.“
Das Mondmännlein krümmte sich furchtsam zusammen und begann stockend und bebend zu erzählen. Ob die Stimme ihm glaubte? Und wenn nicht? Es war doch nicht absichtlich hergekommen.
„So so, vom Mond bist du heruntergefallen? Was soll dieser Blödsinn? Komm näher, damit ich dich genau betrachten kann. Hierher, nach links.“

Das Mondmännlein gehorchte zähneklappernd, aber auch neugierig. Plötzlich wurde es von einer nassen Hand am Arm gepackt und mit einem Ruck vorwärts gerissen. Das Mondmännlein stolperte über einen großen Stein und platschte mit beiden Füßen in kaltes Wasser. Das Wasser sah aus als ob es von unten beleuchtet wurde. Jetzt konnte das Mondmännlein sein Gegenüber erkennen. Das Wesen war riesengroß, jedenfalls kam es ihm so vor, und triefend nass, das Wasser lief in Strömen an ihm herunter. Aber es kam ihm nicht besonders bedrohlich vor. Das Mondmännlein atmete tief durch.
„Und was jetzt?“

Sein Gegenüber drehte es herum, um es in aller Ruhe zu mustern „Was bist du denn für ein Zwerg? So jemanden wie dich habe ich auf der Erde mein Lebtag noch nicht gesehen. Und glaube mir, ich habe in meinem langen Leben schon allerhand gesehen. Hm, vielleicht bist du wirklich vom Mond. Wie heißt du?“
„Man nennt mich Mondmännlein.“
„Aha, also damit wir weiterkommen. Ich bin der Wassermann. Und das, worin du dir gerade nasse Füße holst, ist der Rand meines Hauptgewässers. Da unten ist mein Haus und da gehen wir jetzt hin und werden uns unterhalten. Und wehe dir, deine Geschichte stimmt nicht. Komm!“
„Aber ich kann unter Wasser nicht atmen.“ Protestierte das bebende Mondmännlein.
„Doch. Solange ich dir wohl gesinnt bin und und du unter meinem Schutz stehst, kannst du.“

Der Wassermann stürmte los und zerrte das arme Mondmännlein hinter sich her. Sie erreichten das Haus, in dem sämtliche Fenster hell erleuchtet waren. Sie hörten Lachen und Musik. Die Tür wurde aufgerissen und ein Diener ließ sie herein.
„Schick jemanden an meiner Stelle auf Wache. Ich muss mich jetzt mit diesem Wicht befassen.“

Sie betraten einen kleinen Raum, in dem es seltsam still war. Das Zimmer war nur spärlich möbliert: ein Tisch und zwei Stühle. An der Decke leuchtete ein fahles Licht. Der Wassermann drückte das Mondmännlein auf einen Stuhl und nahm auf dem anderen Platz.
„So. Jetzt fang noch mal an, aber ganz genau.“

Das Mondmännlein fühlte sich inzwischen erstaunlich sicher. Der Wassermann würde ihm nichts antun, daran hegte es keinen Zweifel mehr. Seine Stimme klang jetzt überzeugender und selbst in seinen Ohren hörte sich seine Geschichte jetzt viel glaubwürdiger an als vorher.
Das schien auch der Wassermann so zu empfinden. Seine Miene wurde viel freundlicher. „Du kommst wohl wirklich vom Mond. Sonst hättest du dich nicht hierher getraut und…“ Er unterbrach sich, weil ein Soldat mit besorgter Miene die Tür einen Spalt geöffnet hatte und ihm ein Zeichen gab. „Warte hier auf mich!“ befahl der Wassermann und verließ den Raum.

Als der Wassermann zurückkehrte wirkte er bedrückt und traurig, aber auch wütend.
„Meine Leute haben wieder einmal einen Menschen gefangen, der gerade dabei war, ein großes Fass Gift in den See zu entleeren. Ich habe mit ihm gesprochen und ihm eine Möglichkeit angeboten, sein Leben zu retten. Aber er bestand auf seiner festen Überzeugung, dass er das Recht hätte, alles in den See zu werfen, was er wollte. Mir blieb also nichts anderes übrig als ihm meinen Schutz zu entziehen.“
Das Mondmännlein erschrak zutiefst, seine Zähne begannen wieder zu klappern; er sah den Wassermann entsetzt an.

„Sieh mich nicht so an. Glaubst du mir macht es Freude, Menschen ertrinken zu lassen? Aber was soll ich tun? Wir haben alles Mögliche versucht, die Menschen davon abzuhalten, unsere Welt zu vergiften. Es hat nichts geholfen. Sie begreifen einfach nicht. Sie machen immer weiter. Und ich muss meine Untertanen schützen.“ Der Wassermann holte tief Luft und fuhr dann ruhiger fort zu erzählen.

Seit vielen Jahre kamen Menschen in diese abgelegene Gegend, die sich der Wassermann vor unendlich langer Zeit als Heimat erkoren hatte. Die Menschen warfen ihren Müll und Abfall in den einst so klaren See. Das Wasser war immer schmutziger geworden. Viele seiner Bewohner waren krank geworden, manche gestorben.

Der Wassermann war lange abwesend, weil er sich um andere Teile seines Reiches kümmern musste. Endlich erreichte ihn der Hilfeschrei. Er hatte seinen Soldaten befohlen, jeden, der sich dem See näherte, genau zu beobachten und sofort einzugreifen, falls jemand sich anschickte, irgendwelchen Müll im See zu versenken.

Den ersten Frevler, den sie erwischten, schickte der Wassermann mit einer Warnung zurück. Der zweite und dritte wurden verprügelt und dann ebenfalls mit Warnungen zurückgeschickt. Aber es hatte nichts genützt. Auch dass die Soldaten allen Müll mit viel Mühe aus dem See zu einer großen Mauer aufgeschichtet hatten, die nur schwer zu überwinden war, hielt die Menschen nicht von ihrem schändlichen Tun ab.
Daraufhin befahl der Wassermann, jeden, der jetzt mit Abfall erwischt wurde, unter Wasser zu zerren und ihm vorzuführen.

Das Mondmännlein war bestürzt über soviel Unvernunft der Menschen. Es schüttelte traurig den Kopf und meinte: „Nein, ich weiß auch nicht, was du sonst tun könntest, wenn die Menschen so uneinsichtig sind. Kommen immer noch so viele?“
„Nein, offenbar hat es sich herum gesprochen, dass dieser See gefährlich ist. Aber es gibt noch immer Unbelehrbare, deshalb stelle ich noch immer Wachen auf. Und manchmal habe ich Lust, selbst ein wenig nach draußen zu gehen und dabei habe ich dich aufgegriffen. Was mache ich jetzt mit dir? Wenn du tatsächlich nicht weißt, wie du hergekommen bist, wie willst du dann wieder nach Hause kommen?“

Das Mondmännlein seufzte: „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, wenn der Mond zu sehen ist. Dann könnte ich auf einem seiner Strahlen zurückkehren.“
„Dann musst du dich eine Weile gedulden. In den nächsten Nächten wird der Mond von dunklen Wolken verdeckt.“ Der Wassermann hatte inzwischen Gefallen an dem Mondmännlein gefunden und war überzeugt, dass es nichts Böses im Schild führte und so lud er es ein, in seinem Reich zu verweilen.

Das Mondmännlein strahlte: „Darf ich wirklich bleiben?“
Der Wassermann nickte: „Und jetzt stelle ich dich meiner Tochter, die übrigens heute Geburtstag feiert, und dem Rest meiner Familie vor.“

Das Mondmännlein wurde von den Bewohnern des Sees sehr wohlwollend aufgenommen und verbrachte einen vergnüglichen, lehrreichen und manchmal abenteuerlichen Aufenthalt unter Wasser.
Irgendwann und irgendwie muss das Mondmännlein wieder zum Mond zurückgekehrt sein. Denn wenn du genau hinsiehst, kannst du es bei Vollmond auf seinem bequemen Sessel sitzen sehen.

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