Beginn einer Freundschaft

Philip Pinguin erzählt

Gwendolin
Download

Gwendolin und Paula – 4. Kapitel

Gwendolin lauschte. Da war es schon wieder. Was war das? War es ein Hilferuf? Ihr Herz begann zu rasen. Ihr Fell sträubte sich. Weglaufen? Nein. Da war das Geräusch schon wieder. Sie nahm ihren Mut zusammen und schlich langsam näher. Dann sah sie es: ein kleiner Bär war an einen Baum gebunden. Ein Seil war um seinen Hals gewunden und dann oben an einem Ast befestigt. Der Bär sah ganz erschöpft aus und drohte jeden Augenblick umzufallen.

Gwendolin packte die Wut. Wer machte so etwas Gemeines. Sie dachte gerade noch daran, sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, bevor sie losstürmte.

„Halt aus. Ich helf dir.“ Sie musste auf den Baum klettern, von unten konnte sie nichts ausrichten. „Bitte richte dich auf so weit du kannst.“ Der kleine Bär gab sich Mühe, trotzdem spürte er einen sehr unangenehmen Druck als Gwendolin den Strick ergriff. Ihrem zornigen Biss hielt der Strick nicht lange Stand. Er riss und der kleine Bär sank zu Boden. Gwendolin sprang hinunter, kniete sich neben ihn und streichelte über seinen Kopf. „Ruh dich einen Augenblick aus bis ich den Strick ganz abgemacht habe.“

Dann half sie ihm auf. „Komm, wir müssen weg hier.“

„Wasser“, wimmerte der Bär.

Gwendolin zeigte auf einen Strauch am Rand der Lichtung. „Siehst du den Strauch mit den roten Blättern? Da geht es zum Bach runter.“

„Bach? Wasser?“ Paula schöpfte Hoffnung.

„Ja. Komm.“

Neue Kraft durchströmte Paula. Sie rannte los so schnell sie konnte. Vor Gwendolin erreichte sie den Strauch. Plötzlich stolperte sie über ihre eigenen Füße; sie fiel, rollte sich im Fallen zusammen, kullerte die Böschung hinunter und landete platschend im Wasser. Gwendolin rannte hinterher.

“Hast du dir wehgetan?“ fragte sie erschrocken. Paula schüttelte den Kopf während sie gierig weiter trank.

„Da hinten ist ein kleiner See mit einer Insel mitten drin. Auf der Insel ist ein alter Baum. Da habe ich mein Versteck. Da kannst du dich ausruhen.“

Paula nickte dankbar und wollte auf das Ufer klettern. Gwendolin hielt sie zurück. „Wir bleiben besser im Wasser.“

Der Bach war ziemlich tief. Gegen die Strömung kamen sie nur langsam voran. Nachdem sie den See erreicht hatten, wurde es leichter. Sie waren fast am Ziel angekommen als sie ein Geräusch hörten. Ein Auto näherte sich. Paula erstarrte vor Schreck. Gelähmt vor Angst rührte sie sich nicht mehr und wäre beinahe untergegangen. Gwendolin packte Paula am Arm und zog sie den Rest des Weges hinter sich her bis sie sich unter überhängenden Sträuchern verbergen konnten.

Paula begann zu zittern. Gwendolin nahm sie in den Arm und hielt sie ganz fest. Sie verhielten sich ganz still und lauschten. Der Motor war verstummt, dafür hörten sie jetzt einen Mann fluchen, ein Hund bellte. Der Mann erteilte dem Hund einen Befehl. Der Hund rannte auf ihrer Spur zum Bach hinunter. Sie hörten ihn hin und her laufen. Er winselte. Er hatte ihre Spur verloren. Dann trampelte der Mann die Böschung hinunter.

„Such gefälligst auf der anderen Seite weiter und renn hier nicht blöd hin und her.“

Der Hund erhielt einen Tritt und landete aufjaulend im Wasser. Auf der anderen Seite des Baches suchte er vergeblich weiter. Der Mann schimpfte vor sich hin während er langsam den Bach entlang ging.

„Ich verstehe nicht wie das Vieh den Strick abgekriegt hat. Aber weit kann es nicht gekommen sein. Ich werde dich schon finden. Dahinten …“

Mehr konnten sie nicht verstehen. Er ging in die entgegengesetzte Richtung.

„Lass uns die Zeit nutzen und in meinem Versteck verschwinden. Da sind wir noch besser geschützt. Falls der Kerl doch noch auf die Idee kommt, in dieser Richtung zu suchen. Kannst du klettern?“

Paula nickte.

Gwendolin zog Paula zu ihrem Baum. „Da oben. Schaffst du das? Sonst müssen wir uns hier unten ein Versteck suchen.“

„Ich schaff das schon.“ Paula schaffte es tatsächlich. Sie war zwar völlig erschöpft als sie oben ankam, aber hier fühlte sie sich viel sicherer als unten. Der Platz war für sie beide ziemlich knapp, aber sie zwängten sich hinein, Paula zuerst. Für eine Weile würde es gehen.

„Von unten kann uns hier niemand entdecken. Und der Hund kann im Wasser keine Spur verfolgen.“ sagte Gwendolin.

Sie lagen ganz still dicht beieinander. Paula beruhigte sich langsam wieder. Sie spürte plötzlich, dass sie Hunger hatte, aber das musste warten. Wenigstens hatte sie ihren Durst gestillt. Sie warteten und horchten aufmerksam auf jedes Geräusch. Nach einer Weile hörten sie den Mann kommen. Er ging jetzt tatsächlich zum See und umrundete ihn. Dabei fluchte er immer noch vor sich hin, schimpfte dazwischen mit dem Hund, der mit eingezogenem Schwanz hinter ihm herschlich. Schließlich gab der Mann die Suche auf und verschwand in Richtung zu seinem Auto. Dann klappten Autotüren, der Motor wurde angelassen. Das Geräusch entfernte sich langsam, hörte dann ganz auf.

Beide atmeten erleichtert auf. Jetzt mussten sie etwas zu essen besorgen. Es war schon spät am Nachmittag; diese Nacht würden sie hier bleiben. Morgen würden sie sich ein anderes Versteck suchen. Sie kletterten vom Baum herunter.

„Hier gibt es Fische“, freute sich Paula. „Ich versuche einen zu fangen.“

„Einverstanden. Ich pass solange auf.“

Paula hatte noch nie selber einen Fisch gefangen, aber sie konnte es trotzdem. Sie wunderte sich über sich selber. Sie stellte sich dabei sehr geschickt an und in kurzer Zeit hatte sie drei Fische gefangen. Zwei davon verschlang sie heißhungrig. Den dritten hielt sie Gwendolin hin. Gwendolin zögerte; sie hatte noch nie Fisch gegessen. Auf die Idee war sie nie gekommen. Aber sie probierte. Gar nicht schlecht.

„Soll ich noch welche fangen?“

Gwendolin nickte; sie hatte zwar bei ihrer Mutter zu essen bekommen, aber inzwischen war sie schon wieder hungrig und wenn Paula Fische fing, brauchten sie sich nicht weiter vom Versteck entfernen.

Paula erwischte noch drei, die sie sich teilten. Dann kletterten sie satt und zufrieden wieder in ihr Versteck.

„Morgen suchen wir uns einen anderen Platz. Ich hab auch schon eine Idee. Ich kenne einen verwilderten Garten am Waldrand. Dort hat wohl mal jemand gewohnt. Jedenfalls stehen da noch die Reste von einem Haus. Da können wir uns bestimmt einrichten. Ich meine, wenn du willst.“

„Ja, gern. Ich habe noch nie für mich selber gesorgt. Ich hab keine Ahnung, wie ich allein zurechtkommen soll.“

„Ich zeig dir alles, was ich bisher gelernt habe. Naja, bisher hat es ausgereicht. Wenn ich gar nicht weiter weiß, kann ich Rabe fragen. Er ist immer sehr hilfsbereit. Er hat mir auch den Garten gezeigt. Übrigens, ich bin Gwendolin.“

„Und ich Paula. Ich würde gern mit dir zusammenbleiben. Ich glaube, ich würde mich sonst sehr verlassen und einsam fühlen.“

„Ich freue mich, dass ich dich gefunden habe. Ich hab das bisher gar nicht so gemerkt, aber es ist schön, nicht so allein zu sein. Ich kenne zwar inzwischen eine Menge anderer Tiere, aber die leben fast alle in einer Familie oder sie sind richtige Einzelgänger und brauchen niemanden.“

Obwohl sie beide sehr müde waren, lagen sie noch lange wach. Sie erzählten sich gegenseitig ihre Geschichten bis der Schlaf sie doch übermannte und sie eng aneinander gekuschelt einschliefen.

Hier geht es weiter…

Schreibe einen Kommentar